Urlaub … das ist ja bekanntlich die schönste Zeit des Jahres. Nicht wahr, oder? Und Weihnachten und Geburtstage stehen für ein entspanntes Zusammensein, um gemeinsam zu genießen… Betonung auf „entspannt“ und „gemeinsam genießen“… Gewiss nimmst du meinen leicht ironischen Unterton wahr. Denn leider sah meine Realität für viele Jahre komplett anders aus… Und ich war selbst schuld daran, denn ich war es, die es ermöglicht hatte. „Erlernte Hilflosigkeit“ – so nennen wir Psychologen das, wenn Menschen Dinge tun, die andere daran hindern, es selbst zu tun. Paradoxerweise „erlernen“ sie das ausgerechnet durch uns und unser Verhalten.
Ein Urlaub OHNE meine Wanderstöcke
Wann immer es für meine kleine Familie in den Urlaub ging: immer war ich es, die „zuletzt“ dran war. Denn ich war es, die das Haus „ready“ für die Ferien gemacht hat: aufräumen, Blumen gießen, Spülmaschine ausräumen, Wasser abdrehen, und, und, und …. Und auch ich war es, die alle organisatorischen Dinge noch bis kurz vor Abfahrt geregelt hatte: Zeitung abbestellen, die Nachbarn darum bitten, den Briefkasten regelmäßig zu leeren, den Ersatzschlüssel zu meinen Eltern bringen, den Blumengießdienst beauftragen, und, und, und…. Und auch ich war es, die alle Sachen gepackt hat – für unseren Sohn und auch für die Familie als solches. Und zuletzt dann auch mein eigenes Zeugs. Entweder hatte ich dann viel zu viel oder sogar das Falsche dabei; weil ich mir eben nicht mehr in Ruhe Gedanken dazu machen konnte, was ich wirklich brauche. Oft habe ich dann wichtige Sachen vergessen. Mir kommt da gerade ein Urlaub in Südtirol in den Sinn… Es war ein Urlaub OHNE meine Wanderstöcke … Ich kann dir sagen: der Abstieg von der Marteller Hütte hatte es echt in sich und meine Knie haben Tage danach noch geschmerzt… Und als „gute Schwäbin“ wollte ich freilich nicht einfach das Geld für neue Stöcke ausgeben… Wobei ich dir sowohl in meiner Rolle als Psychologin – aber auch als zugewandte Menschenfreundin – genau das dir empfohlen hätte, wenn du etwas Wichtiges vergessen hättest. Seltsame Welt.

Ein wenig Deo für die Achseln – das muss genügen…
Ähnlich sah es übrigens auch bei Festen aus – gefühlt saßen alle schon geschniegelt am Festtisch. Alle, außer mir. Bis zum Schluss war ich am Rennen, Machen und Tun. Wie oft habe ich mich einfach nur noch kurz umgezogen, die Haare gekämmt und etwas Deo unter die Achsel gesprüht… Das musste genügen. Leider hatte ich es wieder mal nicht unter die Dusche geschafft.
Selbst Schuld!
Das eigentliche Schlimme daran war aber nicht die Situation selbst. Hektische Phasen kennen wir wohl alle. …. Das wirklich Schlimme war, dass ich nie für mich persönlich eingestanden bin. Und mal in aller Klarheit gesagt habe: „Hey, das geht so nicht! …“ Nie – aber auch wirklich nie – bin ich für mich und meine Bedürfnisse eingetreten. Stattdessen habe ich zuerst schimpfend und fluchend vor mich hingenuschelt; habe Hilfsangebote mit einem leicht aggressiven „Jetzt brauche ich auch keine Hilfe mehr“ abgewiesen und mich dann in aller Regelmäßigkeit in meine Schmollkammer zurückgezogen habe. Böse, böse Welt! Fazit: mir ging es nach einer solchen stressigen Aktion alles andere als gut. Aber auch allen anderen war die Lust und Freude erstmal vergangen…
Kümmern ist gut. Aber nicht um den Preis, dass es mir schlecht geht …
Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wann ich für mich verstanden habe:
Sich um andere zu kümmern ist zwar ein wichtiger Bestandteil unseres familiären und auch gesellschaftlichen Miteinanders. Aber niemals um den Preis, dass es mir selbst nicht gut geht.
Einem großen Lernfeld, dem ich begegnet bin, hat viel mit meinem inneren Kind zu tun. Ich durfte lernen, Hilfeanfragen an andere nicht zu vermeiden, sondern diese aktiv und vor allem auch frühzeitig um Unterstützung zu bitten. Aufgrund meiner familiären Geschichte hatte ich allerdings auch früh gelernt, dass meine Bedürfnisse als Kind häufig zurückgestellt wurden, weil meine Eltern einfach viel zu viel zu tun hatten. Wobei meine Eltern meine Bedürfnisse ganz gewiss nicht in böser Absicht hintenangestellt haben. Sie selbst waren ja ein Produkt ihrer Eltern „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen…“
Ein weiteres Lernfeld, dem ich mich gestellt habe, war die Tatsache: „Tanja zuerst“ bedeutet nicht, dass ich egoistisch bin… Ganz im Gegenteil sogar. Es bedeutet, dass ich meine eigenen Bedürfnisse wichtig nehme. Und genau daraus entspringt die Kraft, auch für andere da zu sein. Außerdem ist es wie überall: die Dosis macht das Gift.
Wie ich meine Probleme mit dem Urlaub- und dem Fest-Stress gelöst habe
Wobei ich meine Probleme mit dem Urlaub und den Festen inzwischen ziemlich gut gelöst habe… Wie? Ganz einfach: mein Sohn geht inzwischen seine eigenen Wege. Gut so! Mein Mann und ich haben uns vor ein paar Jahren im Guten getrennt Und Nein! Nicht wegen den Urlauben und Festen.
Und für meine eigenen Urlaube PACKE ICH ÜBERHAUPT NICHT MEHR … Warum? Naja, ich habe mir ein Wohnmobil gekauft. Und immer, wenn ich von einer meiner geliebten Touren zurückkomme, mache ich es wieder startklar für die nächste Reise. Wassertank auffüllen. Ein paar Klamotten in die Schränke legen. Reinsitzen. Losfahren. Entspannen.


Und auch die Feste begehe ich inzwischen vollkommen gelassen. Wie mir das gelungen ist? Ganz einfach: an Weihnachten zum Beispiel mache ich in der Woche vor den Festtagen keinen einzigen Termin mehr aus. Der Kalender und die To-Do-Liste füllen sich eh wie von Geisterhand. Und bei Festen ist es so, dass ich für mich beschlossen habe, selbst nicht mehr zu feiern. Jedes Geburtstagsfest hat mich immer nur gestresst. Ich konnte die Gespräche nicht richtig genießen. Vom Essen war wegen meiner Gastgeberrolle auch nur noch der klägliche Rest da. Allgemein war es mir einfach zu viel Lärm und Trubel. Vom Aufräumen am nächsten Tag gar nicht zu reden… Und genau diesen Stress habe ich nun nicht mehr. Spannend: trotzdem habe ich das Gefühl, meinen Geburtstag intensiv zu feiern. Auf meine Art. So, wie es mir gefällt. Und wie es mir guttut. Egal, was und wie die anderen es gerne hätten.
Selbstbekenntnis braucht Klarheit
Selbstbekenntnis braucht Klarheit.
Klarheit darüber, was man möchte.
Klarheit darüber, was man nicht möchte.
Klarheit, was einen triggert.
Klarheit, was man aushalten will. Und was nicht
Klarheit, wie man es stattdessen machen möchte oder gerne hätte
Klarheit darüber, dass die eigenen Bedürfnisse wichtig sind. Und dass Wertschätzung der anderen bei einem selbst anfängt.
♥ ♥ ♥
PS – Postskriptum
Kennst du deine eigenen Bedürfnisse? Und benennst du sie auch und trittst für sie ein? Was würdest du sehen, wenn du eine Art „Röntgenbrille“ aufsetzen würdest und dich in aller Selbstehrlichkeit UND Klarheit betrachten würdest. Sind es dann noch die gleichen Antworten? Oder nicht?
Denk mal drüber nach …
Liebe Tanja,
wie sehr erkenne ich mich in deinen Worten selbst. Auch ich kenne die selben Situationen, auch ich bin am Ende mürrisch und schlecht drauf, wenn ich nicht rechtzeitig um Hilfe bitte, oder für mich Entscheidungen treffe, dass weniger auch reicht. Deinen Ratschlag, in der Woche vor dem Urlaub oder Weihnachten, keine Termine mehr einzutragen um so die Zeit für all die to dos zu haben, diesen beherzige ich nun schon seit einem guten Jahr. Es war und ist ein wertvoller Ratschlag gewesen – vielen Dank dafür!
Deine Auflistung zur „Selbstbekenntnis braucht Klarheit“, das wurde mir in diesem Monat ganz bewusst. Ich schob schon so lange ein „BÄM“ vor mir her und hatte nicht die Kraft in die Veränderung zu gehen. Doch dieser Juli schenkte mir Klarheit und plötzlich ging alles fast von ganz alleine. Wobei dies vielleicht auch nur möglich war, weil ich mich insgeheim schon vorbereitet hatte und nur noch auf den richtigen Zeitpunkt gewartet habe.
Ich wünsche dir einen wunderschönen Sommer und freue mich schon auf deine Impulse im nächsten Monat.
Liebe Grüße,
Kerstin
Liebe Kerstin,
ich danke dir für deine lieben Worte… Du solltest mein Lächeln sehen, weil ich mich so sehr darüber freue, dass dieser Tipp, in der Zeit vor dem Urlaub oder vor Weihnachten keine Termine aktiv zu planen, so wertvoll ist. 🙂
Und wegen der „Klarheit“…. sie bringt es mit sich, dass plötzlich dieser berühmte „Knoten“ platzt und dann das eine das andere mit sich bringt!.
Danke für diesen gemeinsamen Weg hier – auch wenn wir uns nicht persönlich kennen.
LG – Die Tanja
Liebe Tanja,
ähm tja, was soll ich sagen. Es hätte so auch von mir sein können. Das witzige an der Sache ist, das ich anderen solche guten Ratschläge immer gegeben habe und mich vergessen habe.
Mit den Geburtstagen das hatte ich geändert, als mein Papa verstarb. Meine Mutter verstarb sehr früh und ohne ein Elternteil, nein, das passte nicht. Ausserdem habe ich immer in den Sommerferien von NRW Geburtstag, da sind die meisten im Urlaub und der Familie meines Mannes war es ganz recht. Meinen Tag genieße ich jetzt so wie ich es möchte und das fühlt sich gut an.
Trotzdem gibt es noch gewisse Baustellen. Da werde ich mir deinen Blogbeitrag noch das eine oder andere mal durchlesen, damit sich das festigt.
Wann gibt es denn ein neues Buch? Ich lieb den Ohrensessel sehr. Aber auch die anderen Bücher.
Danke das es Dich gibt.
Ganz liebe Grüße
Elke
Hallo, du liebe Elke! 🙂
Ich freue mich immer wieder, wenn ich von dir lese. Ja, wir haben alle so unsere Baustellen… manchmal fühlt es sich so an wie auf den deutschen Straßen… Baustelle an Baustelle an Baustelle … und plötzlich – wie aus dem Nichts – läuft es plötzlich rund. Gute Straßen. 🙂
Mein neues Buch „Dein Advent – 24 Glücksmomente nur für dich“ ist ab dem 25. September im Handel. Auch als Hörbuch bei Argon. Ich freue mich schon riesig darauf. Es ist so ein schönes Buch geworden.
Alles Liebe für dich – danke für den gemeinsamen Weg.
Bis bald – Die Tanja